Aktuelle Artikel
ARTIKEL 1:
Vom anderen her denken – Osterausgabe der Padeborner Kirchenzeitung "Der Dom"
Die Deutsche Bischofskonferenz hat sowohl in Fulda als auch vor einigen Tagen in Paderborn ihre Bereitschaft gezeigt, in der Kirche in Deutschland einen Dialogprozess anzustoßen. Die Nachricht ist sehr erfreulich. Kardinal Marx hat in seiner Predigt am Ende der Konferenz in Paderborn sogar eine Richtung vorgegeben, indem er seine bischöflichen Mitbrüder aufforderte, in diesem Prozeß immer vom anderen her zu denken. Ein großartiges Wort, das Dank und Respekt verdient. Eigentlich könnte man Hoffnung haben. Dennoch bleiben Fragen.Wer sind die »anderen«, von denen her die Bischöfe denken sollen? Sind es diejenigen, die uneingeschränkt mit der Auffassung der Kirchenleitungen übereinstimmen? Sind es die Angepaßten, die keinen Mut haben, ihre wirkliche Meinung laut zu sagen? Sind es die Mitglieder der Gruppe »pro ecclesia«, deren Unterschriftensammlung in Paderborn von den Bischöfen entgegengenommen wurde? Oder sind die »anderen« auch die Theologieprofessoren, die das Memorandum unterschrieben haben? Sind es die Mitglieder des BDKJ in Düsseldorf oder die der Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands? Ist es auch die Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«, deren viel umfangreichere Unterschriftensammlung in Paderborn laut Bericht in der Westfalenpost von den Bischöfen nicht angenommen wurde? Wäre es nicht ein ermutigendes Zeichen gewesen, wenn einige Bischöfe in Paderborn mit ihnen gesprochen hätten? Warum gesteht man den kritischen Gruppen nicht zu, dass sie genau so über die Kirche und deren Zukunft besorgt sind wie die Bischöfe? Ein solches Zugeständnis würde heißen: Vom anderen her denken!
Eine weitere Frage bezieht sich auf das Denken der anderen. Dürfen sie alles denken und auch aussprechen, was sie bewegt? Darf man auch eine abweichende Meinung vertreten, ohne Nachteile zu haben? Die Erfahrung, die vor einigen Jahren die Theologieprofessoren, die die »Kölner Erklärung« unterschrieben hatten, machen mußten, ist nicht ermutigend. Darf man auch über »viri probati« sprechen, die ein Ausbluten der Gemeinden verhindern könnten? Wenn es stimmt, dass jede Gemeinde einen Anspruch auf die sonntägliche Eucharistiefeier hat (Bischof Tenhumberg) und die Kirche der »orthaften Verleiblichung« (K. Rahner) bedarf, dann muß die Kirche über andere Zulassungsbedingungen zum Priestertum ernsthaft nachdenken. Hat der von mir sonst durchaus geschätzte Kardinal Kasper recht, wenn er in der FAZ behauptet, das grundlegende Problem sei die Gotteskrise? Viele Katholiken, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind oder evangelische Gottesdienste besuchen, haben doch nicht den Glauben an Gott verloren; sie sind über ihre Kirche enttäuscht. Kann es gerade umgekehrt sein, dass die Kirchenkrise sogar die Gotteskrise fördert?
Wenn man dann in dem Dialogprozess zu Ergebnissen gekommen ist, die der Zustimmung von Rom bedürfen, ist die Balance zwischen Papst und Ortskirche zu beachten. Ein abweisender Hinweis auf die kleine deutsche Kirche im Vergleich zur Weltkirche käme einer Verhöhnung der engagierten Katholiken gleich. Die Bischöfe müssen selbstbewußt um die Durchsetzung der gemeinsamen Überlegungen und Vorschläge mit den römischen Instanzen ringen.
Als Nachfolger der Apostel haben sie eine hohe Position in der Kirche; sie sind keine Befehlsempfänger. Es gibt nicht nur eine Loyalität der Bischöfe gegenüber dem Papst, die selbstverständlich ist, sondern auch gegenüber dem Gottesvolk, das auserwählt, königlich, priesterlich, heilig und prophetisch (l Petr 2,9) ist.
Kritiker der Kirche sind keine Nestbeschmutzer oder Katholiken, denen es am Sentire cum ecclesia fehlt. Sie betreiben keine Kirchenspaltung, sondern verhindern sie gerade. Ich persönlich nehme für mich in Anspruch, mit meiner Wortmeldung der Kirche, der ich als Priester 58 Jahre leidenschaftlich gedient habe, meine Sympathie zu zeigen, weil ich die Kirche liebe und weil es mich schmerzt, tatenlos ihrer weiteren Auszehrung zuschauen zu sollen.
Propst i. R. Paul Jakobi, Minden
ARTIKEL 2:
Pfarrer - Initiative: Aufruf zum Ungehorsam
Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbständig tätig zu werden:
Wir Priester wollen künftig Zeichen setzen:
1. WIR WERDEN in Zukunft in jedem Gottesdienst eine Fürbitte um
Kirchenreform sprechen. Wir nehmen das Bibelwort ernst: Bittet, und ihr werdet empfangen. Vor Gott gilt Redefreiheit.
2. WIR WERDEN gutwilligen Gläubigen grundsätzlich die Eucharistie nicht verweigern. Das gilt besonders für Geschieden-Wiederverheiratete, für Mitglieder anderer christlicher Kirchen und fallweise auch für Ausgetretene.
3. WIR WERDEN möglichst vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu
zelebrieren, oder durchreisende und ortsfremde Priester einzusetzen. Besser ein selbstgestalteter Wortgottesdienst als liturgische Gastspielreisen.
4. WIR WERDEN künftig einen Wortgottesdienst mit Kommunionspendung als „priesterlose Eucharistiefeier“ ansehen und auch so nennen. So erfüllen wir die Sonntagspflicht in priesterarmer Zeit.
5. WIR WERDEN auch das Predigtverbot für kompetent ausgebildete Laien und Religionslehrerinnen missachten. Es ist gerade in schwerer Zeit notwendig, das Wort Gottes zu verkünden.
6. WIR WERDEN uns dafür einsetzen, dass jede Pfarre einen eigenen Vorsteher hat: Mann oder Frau, verheiratet oder unverheiratet, hauptamtlich oder nebenamtlich. Das aber nicht durch Pfarrzusammenlegungen, sondern durch ein neues Priesterbild.
7. WIR WERDEN deshalb jede Gelegenheit nützen, uns öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen. Wir sehen in ihnen willkommene Kolleginnen und Kollegen im Amt der Seelsorge.
Im Übrigen sehen wir uns solidarisch mit jenen Kollegen, die wegen einer Eheschließung ihr Amt nicht mehr ausüben dürfen, aber auch mit jenen, die trotz einer Beziehung weiterhin ihren Dienst als Priester leisten. Beide Gruppen folgen mit ihrer Entscheidung ihrem Gewissen – wie ja auch wir mit unserem Protest. Wir sehen in ihnen ebenso wie im Papst und den Bischöfen „unsere Brüder“. Was darüber hinaus ein „Mitbruder“ sein soll, wissen wir nicht. Einer ist unser Meister – wir alle aber sind Brüder. „Und Schwestern“ – sollte es unter Christinnen und Christen allerdings heißen. Dafür wollen wir aufstehen, dafür wollen wir eintreten, dafür wollen wir beten. Amen.
Dreifaltigkeitssonntag, 19. Juni 2011
Mit der PFARRER INITIATIVE wollen wir, katholische Pfarrer und Priester aus verschiedenen Diözesen, für eine offenere Diskussion in der Kirche zu den anstehenden und drängenden Zukunftsfragen eintreten und dabei unsere spezifische Erfahrung aus der Pfarrseelsorge einbringen. Wir werden vorhandene Lösungsvorschläge und Modelle für eine zeitgemäße Weiterentwicklung von Kirche unterstützen und in Zusammenarbeit mit Pfarrgemeinden und Pfarrgemeinderäten zur Diskussion stellen. Wir sind unzufrieden damit, wie die Leitungsverantwortlichen in den Diözesen und auf Weltkirchenebene mit den Fragen und Problemen umgehen. So etwa
- mit der Zukunft der Pfarrgemeinden in Zeiten des Priestermangels;
- mit dem Recht der Getauften auf die Feier der Eucharistie und der sakramentalen Heilszeichen;
- mit der Berufung aller Getauften zu Mitverantwortung, Mitentscheidung und Mitgestaltung des Weges der Kirche;
- mit der Krise des Bußsakramentes;
- mit den menschlichen und pastoralen Problemen des geltenden Eherechtes der Kirche;
- mit der Stagnation in den Bemühungen um die Einheit und Abendmahlsgemeinschaft der christlichen Kirchen.
ARTIKEL 3:
„Der Himmel geht über allen auf“ - Ökumene heißt Vielfalt zulassen:
interkonfessionell - innerkatholisch - innergemeindlich
von Angelika WilmesDer Begriff „christliche Ökumene“ steht für die Gemeinschaft der verschiedenen christlichen Konfessionen und ihr – momentan stagnierendes – Bemühen um Einheit. Innerkirchlich und auf Gemeindeebene jedoch wird der Begriff „Ökumene“ kaum verwendet. Entsprechend gering sind die Anstrengungen um eine fruchtbare und versöhnte Gemeinschaft verschiedener Strömungen, Frömmigkeitsstile und theologischer Ausrichtungen innerhalb unserer Kirche.
Eine These zu Beginn
Statt einseitiger verschärfter Restauration eines vorkonziliaren Kirchenbildes sollte über eine fruchtbare innerkatholische Ökumene nachgedacht werden, und zwar auf allen kirchlichen Ebenen. Wenn das ökumenische Miteinander der verschiedenen theologisch-spirituellen Ausrichtungen nicht gelingt, droht eine Kirchenspaltung.
Grundsätzliches
Schon in der in der jungen Kirche haben wir es mit unterschiedlichen Gruppen und mit vielfältigen Glaubens- und Frömmigkeitsstilen zu tun. Die vier Evangelien sind dafür das beste Beispiel. Zwischen dem Markus- und dem Johannesevangelium liegen Welten.
Kann das überhaupt anders sein? Religiöser Glaube fällt ja nicht als fertiges System von unverrückbaren Glaubenssätzen vom Himmel. Er beruht vielmehr auf dem Bedürfnis von uns Menschen, die Wirklichkeit, die uns umgibt, zu deuten. Wo die Naturwissenschaften alles daransetzen, zu erklären, was sie vorfinden, geht es dem Glauben um den Sinn und das Ziel, um die Deutung der Wirklichkeit. Es ist also zwangsläufig so: Religiöse Vorstellungen sind geprägt von ihrer jeweiligen Zeit, vom Umfeld, von gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen und auch vom naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand der jeweiligen Zeit.
Den meisten Religionen ist auch ein mehr oder weniger ausgeprägtes Beharrungsvermögen eigen, ein Festhalten am Hergebrachten, an heiligen Regeln und Schriften. Anders könnte das einmal Erkannte und Geglaubte nicht an kommende Generationen weitergegeben werden. Das gerade beschriebene Traditionsbewusstsein verselbständigt sich jedoch, wenn an Glaubensvorstellungen und dogmatischen Formulierungen festgehalten wird, die sich überlebt haben.
- weil sich das naturwissenschaftliche Weltbild grundlegend gewandelt hat,
- weil die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse mit denen der Entstehungszeit der Religionsgemeinschaft nicht mehr zu vergleichen sind,
- weil die Auflösung der geschlossenen Milieus den Vergleich mit fremden Sichtweisen möglich gemacht und den Blick der Gesellschaft auf die Wirklichkeit verändert hat.
Wo stehen wir heute in der katholischen Kirche Europas?
Schon bald nach dem 2. Vatikanischen Konzil setzten die ersten Restaurationsbemühungen ein. Die Weltoffenheit von Theologie, Liturgie und Kirchenbild des Konzils wurden Schritt für Schritt eingeschränkt. In den letzten Jahrzehnten ist die horizontale Spaltung zwischen vielen engagierten Gemeindechristen und der Kirchenleitung, aber auch zwischen Gruppierungen innerhalb der Gesamtkirche und der Gemeinden immer deutlicher geworden:
- In nicht wenigen Gemeinden wird denunziert, und zwar direkt nach Rom.
Die Kirchenleitung, der Papst und - mehr oder weniger gezwungen - die Bischöfe, handeln nach der Parole: „Kritik muss sich totlaufen!“ Die Konsequenz: Zwischen „oben“ und „unten“ ist die Kommunikation abgerissen. Vorschläge, Bitten, Briefe laufen in der Regel ins Leere.
Die Christen in vielen Gemeinden tun - ohne es an die große Glocke zu hängen - das, was ihnen ihr Gewissen und ihre Verantwortung für die Kirche gebieten.
Die Bischöfe sehen darüber hinweg, solange es unter der Hand geschieht und solange niemand Meldung macht nach Rom.
Viele - gerade auch Engagierte - verlassen die Kirche, andere sehen ihre Verantwortung darin, neue - von oben verbotene - Wege zu gehen und sie, wenn nötig, zu erkämpfen.
- Vorkonziliar geprägte Priester, Gruppen und Gemeindeglieder stehen den Verfechtern der Konzilsimpulse in den Reforminitiativen gegenüber.
In der Männerkirche warten Frauen nach wie vor auf die Einlösung des Grundsatzes: „Vor Gott sind alle Menschen gleich“.
Das gilt auch für die Laien gegenüber den Klerikern. Mündige Bürger, die ausgestattet sind mit Verantwortung und einklagbaren Rechten, sehen sich in ihrer Kirche bevormundet und rechtlos.
Sakralisierte Gottesdienste werden gegen geschwisterliche Mahlfeiern ausgespielt.
Die bei feierlichen Anlässen zur Schau getragene Pracht- und Machtentfaltung höherer Würdenträger beleidigt die Ausgegrenzten und Armen in unserer Gesellschaft und beschädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche.
Die Amtsstruktur der katholischen Kirche - Ökumenehindernis nach außen und innen
In der interkonfessionellen Ökumene ist die katholische Kirche das Haupthindernis; denn aufgrund ihrer sakralistischen Amtsstruktur ist sie nur begrenzt ökumenefähig. Je mehr man - wie in den letzten Jahren - auf den Vorrang des klerikalen Amtes pocht, desto weniger Interesse besteht an einer voranschreitenden Ökumene zwischen den christlichen Kirchen, desto rigoroser werden binnenkirchlich die Gemeinden durch römisch orientierte Priester auf einen vorkonziliaren Nenner „getrimmt“.
Dabei gibt es in den Kirchen - sowohl in den katholischen als auch in den reformatorischen - sehr unterschiedliche Theologien, Gruppierungen, Strukturen und Gottesdienstformen. Oft stellt sich im Gespräch zwischen katholischen und evangelischen Christen heraus, dass die Nähe zueinander größer ist als zu mancher Gruppierung in der eigenen Kirche.
Die Konsequenz: Der Ökumenebegriff ist zu eng gefasst, wenn er nur auf „die anderen“ schaut. Auch innerhalb der Konfessionen ist ein neues Ökumenebewusstsein anzustreben.
Innerkirchliche Ökumene - wie könnte sie aussehen?
Ich verstehe darunter das interessiert-tolerante Nebeneinander und Miteinander theologischer Denkrichtungen, Frömmigkeitsstile, Gottesdienstformen, Gruppierungen und Strukturen, das dringend gefördert werden muss, und zwar so lange, wie keine Gruppe gegen Menschlichkeit und Menschenrecht verstößt. Nicht nur in der interkonfessionellen Ökumene ist gelebte „Einheit in Vielfalt“ anzustreben, sondern auch innerhalb der Kirchen und Gemeinden. Die Einheit gerät dabei dann nicht in Gefahr,
- wenn die Gruppen miteinander im Gespräch bleiben,
- wenn sie Engagement und Sorgen miteinander teilen,
- wenn kirchliche oder politische Ereignisse sie immer wieder in Kontakt und zu gemeinsamem Engagement zusammenbringen.
Zum Schluss - ein Ausblick
Wenn der katholischen Kirche ein solches ökumenisches Miteinander auf allen Ebenen gelänge, stünden auch der interkonfessionellen Einheit keine wesentlichen Hindernisse mehr im Weg. Denn katholische Christen würden merken, dass in allen Kirchen ein ähnliches Spektrum christlich- religiöser Ausdrucksmöglichkeiten und theologischer Sichtweisen nicht zum Bruch führt, sondern mehr oder weniger konfliktfrei ausgehalten wird. Solange die Liebe, die Jesus uns vorgelebt hat, im Mittelpunkt unseres Bemühens steht, können viele unterschiedliche Wege in den Kirchen und Gemeinden gegangen werden. Das ist ohne Zweifel eine Herausforderung für jeden für uns. Aber sie lohnt sich, weil wir auch in den modernen Gesellschaften diese Aufgabe bewältigen müssen: das Eigene mit Überzeugung zu leben und andere Wege mit interessierter Toleranz gelten zu lassen. Eine solche Kirche wäre ein hilfreiches Zeichen für unsere krisen- und konfliktreiche Zeit. Aggiornamento - Verheutigung könnte gelingen.